Das Licht des Weisen

In einem fernen Land lebte ein weiser Mann, zu dem viele Menschen um Rat kamen.

In seiner einsamen Hütte auf dem Berg stand immer eine brennende Kerze im Fenster und es ging das Gerücht um, dass diese Kerze niemals verlöschen könnte. So machten sich viele Menschen auf, um sich Licht vom weisen Mann zu holen.

Eines Tages kam ein alter Mann, dessen Frau gestorben war. Müde und einsam stieg er den Weg zur Hütte empor, seinen Blick stets auf das Licht im Fenster des Weisen gerichtet.

„Ich komme zu dir, um deine Hilfe zu erbitten“, sprach der Alte, nachdem der die Hütte betreten hatte.

„Mein Herz ist voller Traurigkeit. Ich habe die Freude verloren und in mir ist es finster. Gib mir von deinem Licht; vielleicht kann es mein Leben wieder heller machen.“

„Ich kann dir von meinem Licht geben“, sprach der Weise, „aber höre: Dieses Licht ist nur ein Abglanz des Lichtes, das in dir brennt. Du musst lernen, dieses innere Licht in dir wieder zu entdecken. Geh nach Hause und betrachte das Licht, so oft du kannst.“

So tat der alte Mann und immer, wenn er vor seiner Kerze saß, dann kamen ihm viele Gedanken. Manchmal, da wurde seine Traurigkeit noch größer, manchmal aber war er wirklich getröstet und froh.

Eines Tages, als er wieder vor seiner Kerze saß und seinen Gedanken nachging, war es ihm, as höre er die Worte: „Fürchte dich nicht. Hab Mut. Ich bin bei dir. Auch für dich wird alles gut!“

Hatte jemand diese Worte gesprochen oder hatte er sie sich nur eingebildet?

Ganz gleich, wie es war, sie veränderten plötzlich sein Leben. Sie klangen in seinem Herzen, und er begann, das Leben wieder neu zu sehen.

Und als eines Tages die Kerze auf seinem Tisch nieder gebrannt war, da wusste er, dass er sie gar nicht mehr brauchte, weil das Licht nun in seinem Herzen brannte.

 

Marianne Pichlmann, aus „Vom Licht berührt“

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