Das schwarze Loch: Verzweiflung und Glückseligkeit

Höre, Freund, der Herr ist in dir! Du weißt doch, dass das Samenkorn den Keim enthält, das Leben selbst. Wir alle kämpfen uns voran, doch wie weit sind wir gegangen? Leg deinen falschen Stolz nun ab und tauche tief nach innen.

Kabir

Der emotionale Körper ist einer der drei Manifestations-Körper der Erscheinungswelt. Er ist ein Meer von verborgenen Neigungen und Gefühlen. Alle emotionalen Wellen aller vergangenen Leben wogen in diesem Gefühlsmeer unter der Oberfläche auf und ab. Die Wellen bestehen aus bisher noch nicht erfahrenen Gefühlen auf verschiedenen Ebenen. Es ist möglich, in dieses Meer hineinzufallen und alle Schichten zu entdecken, die bisher vermieden wurden. Alle Schichten und Wellen haben ihre Grenzen, und so lässt sich finden, was ihnen zugrunde liegt. Das sin die tückischen Gewässer, die es zu durchforschen gilt.

Den Ozean des samsara zu überqueren bedeutet, bis auf den tiefen Grund des Meeres zu sinken und all eWellen des Verlangens hinter sich zu lassen. Das „andere Ufer“ findet sich am tiefsten Meeresgrund.

Wenn der karmische Schwung einer Welle auf die entsprechenden „äußeren“ Umstände trifft, stiegt die Welle nach oben, überschwemmt das Bewusstsein und gebärdet sich, als sei alles außer Kontrolle. Bisher ist man diesen Wellen noch nicht direkt begegnet; sie wurden nicht unmittelbar erfahren, von daher scheinen sie so machtvoll. Solange sie nicht direkt erfahren und untersucht werden, hält man die Wellen weiter für real, sowohl bezüglich ihres inneren Erlebens als auch im Hinblick auf die äußeren Umstände. Dies unterbewussten Wellen der Fixierung bestimmen das Leben. Die Vorstellung eines freien Willens ist nichts als ein weiterer Gedanke, der dazu dient, die eigenen Handlungen zu rechtfertigen. Man spielt weiter in den Wellen und erzeugt dadurch schon wieder Wellen für die Zukunft.

Um tief nach innen zu fallen, musst du bereit sein, alles zu erfahren, was deiner Meinung nach von dir getrennt ist. Alles, von dem du meinst, es existiere außerhalb der Wahrheit deiner selbst als leere, bewusste Liebe. In diesem tiefen Fallen ganz nach innen kann es geschehen, dass tiefer liegende Schichten unterbewussten Materials übersprungen werden. Diese verborgenen Schichten warten auf dich, um auf deinem Weg zurück in diese Welt erfahren zu werden. Wenn du durch die Gnade der Liebe die Tiefen deines Selbst nie mehr verlässt, werden alle verborgenen Neigungen auftauchen, um erfahren und im heiligen Feuer des erleuchteten Mind verbrannt zu werden. Sofern das Ego wieder auftaucht und sich wieder identifiziert, bietet sich erneut die Gelegenheit: still zu bleiben, während alles aufsteigt, damit es erfahren werden kann, um zu verbrennen.

 

Wie in einen Brunnen tiefen Wassers – tauche mit Klarheit tief hinein. Wo Reden, Denken, Atmen aufhört, wirst du den wahren Quell des Ego-Selbst entdecken.

Ramana Maharshi (Sat Darshan Bashya)

 

An der Wurzel eines jeden Ego findet man Verzweiflung. Verzweiflung, die noch nicht erfahren wurde. Diese Emotion befindet sich am tiefsten Grunde des Brunnens. In der Verzweiflung wird die Aussichtslosigkeit der eigenen Situation erkannt, es ist das Annehmen der Sterblichkeit und der Unausweichlichkeit des Todes. Der Tod ist der Hüter der Schwelle zur Unsterblichkeit. Obwohl an der Wurzel eines jeden Ego Verzweiflung liegt, wird sie doch selten voll und ganz erfahren, weil man annimmt, ein solcher Schmerz ließe sich auf keinen Fall ertragen. Deshalb wird das Ego mit weniger intensiven Gefühlen abgepolstert, um dieser wesentlichen Erfahrung auszuweichen. Jemand, der dieser Verzweiflung nahe kommt, wird in unserer Zeit als depressiv diagnostiziert und für gewöhnlich medikamentös behandelt, damit er diese Emotion nicht unmittelbar erfahren muss.

Die meisten Menschen leben ihr Leben nicht in seiner ganzen Fülle, sie bleiben an der Oberfläche. Sie folgen der Auffassung: „Ignoranz ist ein Segen“. An der Oberfläche lässt sich leicht ersehen, dass die vielen kleinen Verletzungen und Unachtsamkeiten, die Frustrationen und Irritationen, die Nervosität und andere Gemütsbewegungen sich aus all den Umständen ergeben, die zu einer persönlichen Geschichte gehören und persönlich genommen werden. Zusammen mit den inneren und äußeren Dialogen, die zu Stimmung und Befindlichkeit beitragen, fühlen sich die Menschen ständig Vorwürfen ausgesetzt, oder sie geben anderen die Schuld, oder sie fühlen sich verletzt und sind im endlosen Kreis der eigenen persönlichen Geschichte gefangen. Unter dieser Oberfläche liegen Gefühle, die bisher nicht untersucht wurden. Sie dienen als Puffer und verhindern im Kontext der selbst erschaffenen persönlichen Geschichte, dass man sich dem, was aufsteigt, in gegebenen Moment ganz und gar zuwendet.

Unter den mentalen Wellen der persönlichen Geschichte finden sich die tiefer liegenden emotionalen Schichten. Über der Verzweiflung liegt die Angst. Über der Angst liegt Traurigkeit und über der Traurigkeit liegt Zorn. Es ist einfacher, sich frustriert und missverstanden zu fühlen oder verwirrt zu sein, als sich den tiefer liegenden Gefühlen zu stellen.

Es ist jederzeit möglich, sich direkt von der Oberfläche in die tieferen Schichten fallen zu lassen. Sofern aber bestimmte Schichten von tiefer liegenden Gefühlen dabei umgangen oder geleugnet wurden, werden sie später wieder auftauchen, um erfahren zu werden.

Auf einer sehr praktischen Ebene ist es möglich, ganz oben anzufangen: das Gefühl, das obenauf liegt, direkt zu erfahren und dann tiefer nach innen zu fallen, wo sich das darunter liegende Gefühl verbirgt. Wenn du zum Beispiel wütend bist auf jemanden und bereit, deinen Zorn zu spüren, ohne ihn zu unterdrücken, ohne ihn zu entladen, wirst du unter dem Zorn oft eine tiefe Verletzung finden. Wenn du den Kummer und den Schmerz der Verletzung ganz und gar erfährst, findest du darunter vielleicht Angst. Erlaubst du dir, die Angst vollkommen zu erfahren und noch tiefer zu fallen, findest du Verzweiflung. Bist du bereit, dich ganz in die Verzweiflung hineinfallen zu lassen, wirst du schließlich auch da hindurch- und in ein „schwarzes Loch“ fallen.

An der Wurzel eines jeden Ego ist ein schwarzes Loch verdeckt. Und jedes Ego ist bestrebt, nicht in die Leere dieses schwarzen Lochs zu fallen. Den schwarzen Löchern, die man im Weltraum entdeckt hat, werden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die denen der schwarzen Löcher im inneren Bewusstsein auf bemerkenswerte Weise gleichen. Wenn man sich nach innen fallen lässt und in ein schwarzes Loch des Nichts eintritt, bricht der Ereignishorizont zusammen. Die Wissenschaft beschreibt dieses Geschehen im Weltraum damit, dass Lichtwellen dem Sog des schwarzen Lochs nicht widerstehen können, und also nimmt das schwarze Loch Vergangenheit und Zukunft in sich auf. Im Zusammenbrechen des Ereignishorizontes im inneren Bewusstsein lösen sich persönliche Vergangenheit und Zukunft auf; auch eine persönliche Geschichte von „mir“ gibt es da nicht mehr.

Das schwarze Loch ist ein Ausweg aus dem Leiden der persönlichen Geschichte. Man tritt aus dem begrenzten emotionalen Körper heraus und tritt ein in die grenzenlose Essenz. Das Hinabtauchen in das schwarze Loch offenbart die Möglichkeit einer direkten Erfahrung der Essenz, wo alle Identifikation mit dem Ego aufhört.

Du hast in jedem Augenblick die Möglichkeit, innezuhalten und alles, was auftaucht, vollständig zu erfahren. Du kannst sämtliche Schichten von Gedanken und Emotionen erfahren, bis ganz nach unten in den tiefsten Kern und dann hindurch, bis in die Leerheit. Es braucht keine besonderen Umstände und keine besondere Vorbereitung, nur die Bereitschaft, allem zu begegnen. Nur indem du dich allem stellst, kannst du entdecken, dass die Wellen der Identifikation letztendlich ohne Substanz sind.

Die Erfahrung, durch die Oberfläche hindurch und tiefer nach innen zu fallen, durchbricht die Trance der Fixierung, die an die Realität ihrer eigenen Geschichte glaubt. Was an der Oberfläche als wirklich erscheint, wird als eine recht seichte Version der Wirklichkeit erkannt. Hinein zu tauchen und unter die Oberfläche zu fallen, schenkt einem die direkte Erfahrung der Essenz. Wenn das Eintauchen rein und tief ist, fällst du in die Glückseligkeit des wahren Selbst.

 

Eli Jaxon-Bear, aus „Das Spirituelle Enneagramm“

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