Der Alchimist

Denn es gibt eine große Wahrheit auf diesem Planeten: Wer immer du bist oder was immer du tust, wenn du aus tiefster Seele etwas willst, dann wurde dieser Wunsch aus der Welten-Seele geboren. Das ist dann deine Aufgabe auf Erden.

Die Welten-Seele wird von dem Glück der Menschen gespeist. Oder vom Unglück, von Neid und Eifersucht. Unsere einzige Verpflichtung besteht darin, den persönlichen Lebensplan zu erfüllen. Alles ist ein Ganzes. Und wenn du etwas ganz fest willst, dann wird das gesamte Universum dazu beitragen, dass du es auch erreichst.

„Je näher man an seinen Traum herankommt, um so mehr wird der persönliche Lebensweg zum eigentlichen Lebensziel“, dachte der Jüngling.

Der Jüngling begann zu verstehen, dass diese Ahnungen ein kurzes Eintauchen der Seele in den universellen Lebensstrom sind, in dem die Lebensgeschichten aller Menschen miteinander verbunden sind und aus dem wir alles erfahren können, denn alles „steht geschrieben“.

Niemand muss das Unbekannte fürchten, weil jeder Mensch das erreichen kann, was er will und was er braucht. Wir fürchten uns lediglich vor dem Verlust dessen, was wir besitzen, fürchten um unser Leben oder die Felder, die wir bestellt haben. Aber diese Angst vergeht, wenn wir begreifen, dass unsere Geschichte und die Geschichte der Erde von derselben Hand geschrieben wurden.

Und wie kann ich die Zukunft erahnen? Durch die Zeichen der Gegenwart. In der Gegenwart liegt das Geheimnis; wenn du der Gegenwart Beachtung schenkst, dann kannst du sie verbessern. Und wenn du sie verbessert hast, dann wird das Nachfolgende auch besser sein. Vergiss also die Zukunft und lebe jeden Tag deines Lebens nach den göttlichen Gesetzen und im Vertrauen, dass Gott für seine Kinder sorgt. Jeder einzelne Tag trägt die Ewigkeit in sich.

„Ruh dich ein wenig aus, wie sich ein Krieger immer vor dem Kampf ausruht. Aber vergiss nicht, dass dein Herz dort ist, wo auch dein Schatz liegt. Und dass dein Schatz entdeckt werden muss, damit all das, was du auf dem Weg entdeckt hat, einen Sinn ergibt.“

Wenn das, was du gefunden hast, rein ist, dann wird es nie vergehen. Und du kannst eines Tages zurückkehren. Wenn es jedoch nur ein Lichtmoment war, wie die Explosion eines Sternes, dann findest du beim Wiederkommen nichts mehr vor. Aber du hast eine Lichtexplosion erlebt, und das allein hat sich bereits gelohnt.

„Höre auf die Stimme deines Herzens. Es kennt alle Dinge, denn es kommt aus der Weltenseele und wird eines Tages dorthin zurückkehren.“

„Jeder Moment des Suchens ist ein Moment der Begegnung“, sagte der Jüngling seinem Herzen. „Während ich meinen Schatz suchte, waren alle Tage freundlich, denn ich wusste, dass mich jede Stunde meinen Traum näher brachte. Während ich meinen Schatz suchte, entdeckte ich Dinge auf meinem Weg, von denen ich nie geträumt hätte, wenn ich nicht den Mut gehabt hätte, Dinge zu versuchen, die Hirten sonst versagt bleiben.“

„Jeder Mensch auf Erden hat einen Schatz, der ihn erwartet“, sagte sein Herz. „Wir Herzen sprechen jedoch wenig von diesen Schätzen, weil die Menschen sie schon gar nicht mehr entdecken wollen. Nur den Kindern erzählen wir davon. Dann überlassen wir es dem Leben, jeden seinem Schicksal entgegenzuführen. Aber leider folgen nur sehr wenige dem Weg, der für sie vorgesehen ist und der der Weg zu ihrer inneren Bestimmung ist und zum Glück. Sie empfinden die Welt als etwas Bedrohliches – und darum wird sie auch zu etwas Bedrohlichem. Dann sprechen wir Herzen immer leiser, aber ganz schweigen tun wir nie. Und wir hoffen, dass unsere Stimme überhört wird; Wir wollen nämlich nicht, dass die Menschen leiden, weil sie nicht ihren Herzen gefolgt sind.“

Immer bevor ein Traum in Erfüllung geht, prüft die Welten-Seele all das, was auf dem Weg gelernt wurde. sie macht das nicht etwa aus Bosheit, sondern damit wir uns mit unserem Traum zugleich auch die Lektionen zu eigen machen, die wir auf dem Weg dorthin gelernt haben. Das ist der Moment, in dem die meisten aufgeben. In der Sprache der Wüste nennen wir das verdursten, wenn schon die Palmen am Horizont sichtbar werden. Eine Suche beginnt immer mit dem Anfängerglück. Und sie endet immer mit der Prüfung des Eroberers.

Die Augen zeigen die Kraft der Seele an.

„Gib dich nicht der Verzweiflung anheim. Sonst wirst du dich nicht mehr mit deinem Herzen verständigen können“, sagte der Alchimist mit einer ungewöhnlich sanften Stimme.

Wer seine innere Bestimmung erfüllt, weiß alles, was er wissen muss. Nur eines macht sein Traumziel unerreichbar: die Angst vor dem Versagen.

Die Welt ist der sichtbare Teil von Gott.

Der Jüngling wandte sich nun an die Hand, die alles aufgezeichnet hatte. Und er spürte, dass das Universum schwieg, anstatt irgend etwas zu sagen, und so blieb auch er still. Ein Strom der Liebe entsprang seinem Herzen, und er begann zu beten. Es war ein Gebet, dass er noch nie zuvor gebetet hatte, denn es war ohne Worte und ohne Bitten.

Und der Jüngling tauchte in die Welten-Seele ein und erkannte, dass diese ein Teil der göttlichen Seele und die göttliche Seele seine eigene Seele war. Und dass er somit selber Wunder vollbringen konnte.

 

Paulo Coelho, aus „Der Alchimist“

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