Der Samurai und der Mönch

Es gab einmal einen stolzen, aber jähzornigen Samurai, der es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, Bauern schon beim kleinsten Anzeichen von Respektlosigkeit erbarmungslos niederzustrecken.

In jenen Tagen standen die Samurai über dem Gesetz und ein solches Verhalten war durchaus akzeptiert und nicht unüblich. Eines Tages allerdings, als er wieder einmal einen Bauern getötet hatte und gerade dabei war, das Blut von der Klinge zu wischen und das Schwert wieder einzustecken, kamen dem jungen Samurai Zweifel, ob die Götter sein Tun guthießen oder ob sie ihn in das Reich der höllischen Wesen schicken würden.

Da ihn diese Frage nicht mehr losließ, suchte er einen Zen-Meister namens Kanzaki auf. Mit vollendeter Höflichkeit legte der Samurai sein rasiermesserscharfes Schwert ab, verbeugte sich tief und bat: „Bitte erzähl mir von Himmel und Hölle.“

Meister Kanzaki sah den jungen Mann an und lächelte. Dann begann er immer lauter zu lachen, als ob der Krieger etwas völlig lächerliches gefragt hätte. Er zeigte mit dem Finger auf den verwirrten Samurai, lachte noch lauter und schrie: „Du hohlköpfiger Sohn eines Hohlkopfs, du wagst es, mich, den weisen Meister Kanzaki, nach Himmel und Hölle zu fragen? Verschwende nicht meine Zeit, du Idiot! Du bist viel zu dumm, um diese Dinge verstehen zu können!“

Der Samurai saß mit hochrotem Kopf da. Jeden anderen hätte er für solche Worte auf der Stelle getötet, aber er bemühte sich, Haltung zu bewahren. Meister Kanzaki war noch nicht fertig. Etwas leiser sagte er: „Es ist doch offensichtlich, dass weder du noch deine stinkenden Vorfahren jemals über irgendetwas nachgedacht haben. Deine gesamte Ahnenreihe besteht doch nur aus Taugenichtsen und Narren, die so etwas niemals verstehen…“

Nun überkam den Samurai eine mörderische Wut. Er sprang auf die Füße, riss das Schwert aus der Scheide und hob es, um es auf den Kopf des Zen-Meisters niedersausen zu lassen.

In diesem Augenblick wies Kanzaki mit dem Finger auf ihn und sagte ganz gelassen: „Jetzt öffnen sich die Tore der Hölle.“

Der Krieger erstarrte. Augenblicklich wurde er erleuchtet und verstand das Wesen der Hölle. Die Hölle war kein Ort, an den man nach dem Tode geschickt wurde, sondern ein innerer Zustand.

Er fiel auf die Knie, legte das Schwert neben sich und verbeugte sich tief: „Meister, meine Dankbarkeit für diese Unterweisung ist grenzenlos. Danke. Danke.“

Der Zen-Meister aber lächelte nur, zeigte wieder auf ihn und sagte gelassen: „Und nun öffnen sich die Tore des Himmels.“

 

Zen Geschichte

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