Die Lachfalten Gottes

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich viel unbedachter sein.

Ich würde mehr Fehler machen
und sie mir auch zugesteh’n.

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich langsamer gehen, nicht rennen,
Und mir alles auf dem Weg genauer anschauen.

Ich würde ruhig warten,
bis eine Knospe sich öffnete zur vollen Blüte.

Ich würde keinen Regenschirm mehr mitnehmen
keinen Proviant, keine Stiefel und kein Aspirin.

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich öfter die Schule schwänzen
und weniger Regeln und Verbote beachten.

Ich würde nichts mehr auswendig
sondern nur noch inwendig lernen.

Ich würde Befehle und Verordnungen doppelt prüfen
und meinen Empfindungen gehorchen.

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich mir mehr von der Welt anschauen
und mehr Menschen umarmen.

Ich würde jeden Augenblick auskosten
und nicht einer „guten alten Zeit“ nachtrauern
oder zehn Jahre schon heute verplanen.

Ich würde das Risiko eingehen,
ein kindliches Vertrauen zu bewahren.

Ich würde mich weniger schämen
und alles aufs Spiel setzen.

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich im Frühling früher
und im Herbst länger barfuß gehen.

Ich würde öfter schreien
und Friedhofsmauern bunt bemalen

Ich würde öfter streiten und öfter versöhnen,
mich weniger entschuldigen
und klarer meinen Standpunkt vertreten.

Wenn ich noch einmal leben könnte
würde ich viel unverschämter aus dem Rahmen fallen
und lauter auf die Pauke hau’n.

Ich würde mich von Gottes Charme ganz hinreißen lassen
und mich in seine Lachfalten vertiefen.

Wenn ich noch einmal leben könnte –
ich lebe jetzt –
also: wo ist die nächste Friedhofsmauer?

 

Karin E. Leitner

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