Du bist kein unbeschriebenes Blatt

Wenn du auf die Welt kommst, bist du kein unbeschriebenes Blatt. Deine Seele hat bereits Geschichte. Sie hat einen bestimmten Schatz an Erkenntnissen und an Erinnerungen, und diese Erinnerungen sind mit Gefühlen verbunden. Dieser Schatz ist latent in ihr vorhanden, wenn sie in den Mutterleib eintaucht.

Hier nun kommt sie in ein anderes emotionales Milieu, in eine andere Geschichte hinein, in das Milieu der Mutter. Wenn sie nun auch eingebettet ist in die emotionale Atmosphäre der Mutter, so ist sie darin doch kein kontourenloses, ununterscheidbares Nichts, sondern besitzt bereits einen eigenen Wesenskern und eigene Erfahrungen, eine eigene Intelligenz und ein eigenes Erkenntnisvermögen.

Falls sie nun Gefühle der Mutter übernimmt und sich diese zu eigen macht, dann nur solche, die im Rahmen ihres Erfahrungsschatzes für sie sinnvoll sind, die bestimmte Erinnerungen und damit verbundene Gefühle in ihr wachrufen. Hat die Mutter beispielsweise Angst vor Verlassen-Werden, und das Drama des Verlassen-Werdens gehört bereits zu Gefühls- und Emotions-Schatz der Seele, so wird sie die Angst der Mutter mit ihrer eigenen Angst verwechseln. Ihre eigene Angst wird durch die Angst der Mutter geweckt und verdoppelt.

Wenn du „Angst“ fühlst, interpretierst du das Energiemuster „Angst“ auf deine eigene Weise. Angst ist ein universales Gefühl, aber sie nimmt bei jedem Menschen und mit jedem Inhalt eine eigene Gestalt an. Diese Energiegestalt besetzt sozusagen deinen Körper, graviert sich ein in deine Haltung, deine Zellen, deine Muskeln, deine Nerven, dein Gehirn. Solange diese Angst nicht bewusst gefühlt wird, beherrscht sie dich. Übernimmst du die Angst eines anderen, übernimmst du zugleich die energetische Signatur der fremden Angst, die nun ebenfalls deinen Körper besetzt. Deine Handlungsfreiheit, dein Spielraum wird so verringert, deine Lebensenergie gehemmt, deine Seele läuft Gefahr, im Körper zu ersticken.

In der Welt der Gefühle gibt es keine Grenzen. Ebenso wenig wie in der Welt der Energie. Und doch gibt es „meine“ Energie und „deine Energie“ oder „mein“ oder „dein“ Gefühl. Das liegt daran, dass der Ozean der Gefühle nicht einfach ein unstrukturiertes Etwas ist, sondern dass sich innerhalb dieses Ozeans individuelle Sturkturen bilden. Jedes Individuum hat einen Wesenskern, und um diesen Wesenskern gruppieren sich seine spezifischen Stimmungen, Gedanken und Gefühle und seine Energie sowie sein Körper. Dieser Wesenskern ist magnetisch, das heißt, er zieht das zu sich, was ihm gemäß ist, und stößt das ab, was ihm nicht gemäß ist. An dieser grundsätzlichen Konfiguration kannst du nichts ändern, es sei denn, von diesem Wesenskern aus. Es ist das, was auch „Seele“ genannt wird.

So macht also jedes Individuum die Erfahrungen, die ihm gemäß sind, denkt die Gedanken, die ihm gemäß sind und hegt die Gefühle, die ihm gemäß sind. Das bedeutet nun allerdings nicht, wenn jemand gerade ein Opfer einer Katastrophe ist und aggressive Gefühle hegt, dass „Opfer-Sein“ und „Aggressivität“ Kennzeichen seines Wesens sind ,sondern es bedeutet, dass diese Erfahrung samt den dazugehörigen Schlussfolgerungen und Gefühlen jetzt in das Programm passt, das seinem innersten Wesenskern zur Entfaltung verhilft. Denn dieser innerste Wesenskern kann mit einem keim verglichen werden, aus dem nach und nach eine Pflanze erwächst. Diesen Wachstumsprozess der Seele in die manifeste Realität hinein nennt man Entfaltung.

Die Seele selbst ist unabhängig von den Erfahrungen, ebenso wie sie unabhängig ist von den jeweils gehegten Gedanken und Überzeugungen. jedoch verhelfen ihr die Erfahrungen, Schlussfolgerungen und Gefühle dazu, sich zu entfalten, also ihr eigenes Wesen zu entdecken und zu manifestieren. Es ist nicht so, dass sie erst entdeckt und  dann manifestiert, sondern sie entdeckt es, indem sie es manifestiert. Das ist der Prozess, den du „dein Leben“ nennst.

Gott verleiht jeder Seele alles, was sie zu ihrer Entfaltung benötigt, ebenso wie Gott jeder Seele Flügel verleiht, um sich über die Welt der Erfahrungen, der Gedanken und Gefühle zu erheben und heimzufliegen in ihr eigenes Reich. In ihrem eigen Reich bewegt sich die Selle in völliger Freiheit, im Bewusstsein ihrer Unendlichkeit, Unbegrenztheit, in einem Zustand von Seligkeit und Verzückung. In der „Welt“ jedoch ist sie Beschränkungen unterworfen, die ihrem innersten Wesen fremd sind. Und doch ist es nur durch diese Beschränkungen, dass sie ihr ureigenstes Potenzial entdecken und ausschöpfen und feiern kann – indem sie es manifestiert, also sich entfaltet.

 

Safi Nidiaye

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