Elf Minuten

Maria ist eine junge brasilianische Stoffverkäuferin, deren erste Begegnungen mit der Liebe sie mit einem gebrochenen Herzen zurücklassen. Liebe ist für sie „etwas Schreckliches, das nur Unglück bringt“. Sie träumt von Reichtum und einer Karriere als Samba-Tänzerin, kommt durch einen Zufall nach Genf und muss sich dort als Prostituierte in einem Nachtclub durchbringen. Als Maria einem jungen Maler begegnet, der ihre zynische Weltsicht ins Wanken bringt, verliebt sie sich entgegen all ihrer Vorsätze in ihn. Maria muss sich nun entscheiden, ob sie sich darauf einlässt die Liebe neu zu entdecken und ein anderes Leben zu wagen.

 

Wenn wir jemandem begegnen und uns in ihn verlieben, haben wir das Gefühl, dass das ganze Universum einverstanden ist; heute habe ich das bei Sonnenuntergang erlebt. Wenn jedoch etwas nicht klappt, wenn etwas schiefläuft, dann ist plötzlich alles dahin, als wäre es nie gewesen: die Reiher, die Musik in der Ferne, der Geschmack seiner Lippen. Wie kann soviel Schönheit von einer Minute auf die andere vergehen? Das Leben rast mit uns dahin, und innerhalb von Sekunden gelangen wir vom Himmel in die Hölle.

 

Viel Lebenserfahrung habe ich nicht, aber eines weiß ich: dass man nichts besitzen kann, alles ist Illusion – sowohl materielle wie spirituelle Güter. Wer schon einmal etwas verloren hat, von dem er glaubte, er würde es nie verlieren (etwas, das mir so häufig passiert), weiß am Ende, dass ihm nichts gehört. Und wenn ich nichts besitze, muss ich auch meine Zeit nicht damit vergeuden, mich um Dinge zu sorgen, die mir nicht gehören; es ist besser, ich lebe jeden Tag, als wäre es der erste (oder der letzte) Tag meines Lebens.

 

Träume sind sehr bequem, sofern wir nicht gezwungen sind, sie in die Tat umzusetzen. So gehen wir keine Risiken ein, vermeiden Frustrationen, schwierige Momente, und wenn wir alt sind, können wir immer anderen die Schuld in die Schuhe schieben – vorzugsweise unseren Eltern, unseren Ehemännern oder unseren Kindern – dafür, dass wir unsere Träume nicht wahr gemacht haben.

 

Ich habe die Wahl, entweder ein Opfer der Welt zu sein oder eine Abenteuerin auf der Suche nach ihrem Schatz. Es ist alles nur eine Frage, wie ich mein Leben angehe.

 

Außerdem bin ich hier, weil ich dieses Schicksal selbst gewählt habe. Die Achterbahn ist wie mein Leben, und das Leben ist ein starkes, berauschendes Spiel. Leben heißt mit einem Fallschirm abspringen; Leben heißt etwas riskieren, hinfallen und wieder aufstehen; Leben ist wie Steilwand-Klettern, es bedeutet, nicht zu ruhe und nicht zu rasten, bis man den eigenen Gipfel erklommen hat.

 

Ich bin kein Körper mit einer Seele, ich bin eine Seele, die einen sichtbaren Teil besitzt, der Körper heißt. In all diesen Tagen war die Seele, anders als ich es mir vorgestellt hatte, immer ganz da. Sie sprach nicht mit mir, kritisierte mich nicht, hatte kein Mitleid mit mir: sie hat mich nur beobachtet. Inzwischen weiß ich auch, warum: Es liegt daran, dass ich schon so lange die Liebe aus meinen Gedanken verbannt hatte. Nun entzieht sie sich mir, beleidigt, als würde sie von mir nicht genügend gewürdigt, als fühle sie sich nicht willkommen. Aber wenn ich nicht an die Liebe denke, bin ich nichts.

 

Was auch immer ich erleben, tun, herausfinden kann, nichts hat einen Sinn ohne Liebe.

 

Ein Maler weiß, wann er sein Modell gefunden hat. Ein Musiker weiß, wann sein Instrument gestimmt ist. Wenn ich mein Tagebuch lese, kommt es mir so vor, als ob bestimmte Sätze nicht von mir stammten, sondern von einer Frau voller „Licht“, die ich bin und die zu sein ich mich weigere.

 

Er sollte wissen, dass der mensch die Liebe in ihrer Ganzheit begreifen muss. Die Liebe ist nicht im anderen, sie ist in uns selbst; wir erwecken sie. Aber für diese Erwecken brauchen wir den anderen. Das Universum ergibt nur einen Sinn, wenn wir jemanden haben, mit dem wir unsere Gefühle teilen können.

 

Alle können lieben, denn sie wurden mit dieser Gabe geboren. Einige Menschen lieben von Anfang an richtig, aber die meisten müssen es erst wieder lernen, müssen sich daran erinnern, wie man liebt, und ausnahmslos alle müssen auf dem Scheiterhaufen ihrer vergangenen Gefühle brennen und Freuden und Schmerzen, Höhen und Tiefen wieder erleben, bis sie den roten Faden erkennen, der unsere Begegnungen miteinander verknüpft; ja, es gibt diesen roten Faden.

 

Die Begegnung einer Frau mit sich selbst ist ein Spiel mit ernsten Gefahren. Ein göttlicher Tanz. Wenn wir uns selbst finden, sind wir zwei göttliche Energien, zwei Universen, die aufeinandertreffen. Wenn in diesem Aufeinandertreffen die nötige gegenseitige Achtung fehlt, zerstört ein Universum das andere.

 

Ich will dir nur sagen: Gewöhne dich nicht an den Schmerz, denn er ist eine starke Droge. ER findet sich in unserem Alltag, im verborgenen Leiden, im Verzicht, den wir leisten. Und wir geben dann der Liebe Schuld am Scheitern unserer Träume. Der Schmerz erschreckt, wenn er sein wahres Gesicht zeigt, aber er ist verführerisch, wenn er als Opfer, als Verzicht erscheint. Oder als Feigheit. So sehr der Mensch den Schmerz auch ablehnt, so sehr liebt er ihn auch.

 

Als ich nichts zu verlieren hatte, hatte ich alles. Als ich aufhörte, die zu sein, die ich war, habe ich mich selbst gefunden.

 

Paulo Coelho, aus „Elf Minuten“

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