Gefühle und Körperzustände

Jedes Gefühl ist zugleich auch ein Körperzustand. Es wirkt sich auf unsere Nerven, Muskeln, Organe, Knochen, auf die Vorgänge innerhalb und zwischen unseren Zellen, auf Neurotransmitter, Hormonausschüttungen und alle Lebensvorgänge in unserem Körper aus. Wenn wir uns vorstellen wie schnell sich unsere Gefühlslage verändert, wenn wir z.B. an „Angst“ denken, dann können wir uns vorstellen, welche Wirkung die Gefühle, die wir tatsächlich über Jahre hinweg hegen, auf den Körper haben.

Eine Emotion bewegt uns nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. Lassen wir diese Bewegung geschehen und fühlen sie, dann kommt sie irgendwann zu ihrem natürlichen Ende, und die Spannung, die das Gefühl im Körper erzeugt hatte, verschwindet. Wenn wir jedoch die Emotion nicht fühlen, sondern unterdrücken, so verbleibt die Spannung, die zu ihr gehört, im Körper und löst sich nicht. So können wir Gefühle, die vor Jahrzehnten in uns entstanden sind, heute immer noch unverändert im Körper wiederfinden, und ebenso unverändert beherrschen sie unser Denken und Handeln – bis wir sie bemerken und bewusst als Gefühl wahrnehmen.

Jedes Gefühl ist mit einem Körperausdruck verbunden. Wird es gefühlt, verschwindet dieser Körperausdruck wieder. Wird es nicht gefühlt, wird aus dem Ausdruck ein Eindruck, etwas das sich einprägt und bleibt. Ein chronischer Körperzustand, ein wiederkehrendes oder bleibendes Symptom. Eine Gewohnheitshaltung oder -spannung… Ein einfaches Beispiel dafür ist, dass wir die Schultern hochziehen, wenn wir uns bedroht fühlen. Falls es solche Momente in deiner Kindheit öfter einmal gab, kann es sein, dass du noch heute eine Menge Spannung in deinen Schultern trägst. Muskeln wie Drahtseile, schmerzhafte Bereiche, die unter ständiger Spannung stehen. Diese Spannungsmuster sind nicht natürlich, aber wir gewöhnen uns an sie. Wir lernen um sie herum zu leben – und sie halten eine Menge unerlösten Schmerz für uns. (Und es gibt sie überall, nicht nur in unseren Schultern!

Unsere Gefühle verkörpern sich. Unser Körper drückt sie aus – ob wir es übrigens wollen oder nicht. Gefühle wirken bis tief in die Zellen unseres Körpers hinein und haben einen, vielleicht – wie jüngste Forschungen ergeben haben – sogar DEN entscheidenden Einfluss auf unsere Gesundheit.

Eine Emotion ist die Art, wie uns etwas bewegt. Sie ist eine Bewegung, und wie es in der Natur einer Bewegung liegt, ist sie flüchtig. Ebenso flüchtig ist ihr körperlicher Ausdruck. Halten wir sie jedoch fest, so verfestigt sie sich, und je länger wir sie festhalten, desto mehr gräbt sie sich in unseren Körper ein und wird zu einem bleibenden Ausdruck. So kommt es dann zu körperlichen Phänomenen, die Gesundheit und Aussehen dauerhaft beeinflussen, wie hängenden Mundwinkeln, schlaffem Kinn, Stiernacken oder chronischen Gesundheitsstörungen (beides hat natürlich auch mit anderen Faktoren zu tun wie Vererbung, Umwelteinflüsse, Ernährung und Lebensweise).

Eine Gefühlsregung kann unseren Körper nicht schädigen oder schwächen – vorausgesetzt, wir erleben sie, statt sie zu verdrängen, und halten sie nicht fest. Festhalten bedeutet, dass wir uns mit diesem Gefühl identifizieren, oder mit einem weiteren Gefühl das uns glaube macht, es sei notwendig, dieses Gefühl zu behalten.

 

Safi Nidiaye

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