Nur ein dünnes Seil

Gefesselt ist, wer sich gefesselt glaubt – befreit ist, wer es sich selbst erlaubt!

In vielen Erfolgsbüchern können wir lesen, was wir alles benötigen, um erfolgreich zu sein. Wir sollen diszipliniert sein, ausdauernd, durchsetzungsfähig, kreativ, überzeugend, mutig, selbstbewusst…

Was aber, wenn wir das alles gar nicht sind? Was, wenn wir es nicht schaffen, an uns selbst und unsere Ideen zu glauben?

Wen wir es bisher nicht geschafft haben, erfolgreich zu sein, dann gibt es dafür einen Grund. Und erst wenn wir uns diesen Grund genauer angesehen und ihn transformiert haben, können wir all das entwickeln, was in so vielen Büchern an guten Ratschlägen auf uns wartet.

Dabei erinnere ich mich immer an meinen Vater.

Jedes Mal, wenn ich mit ihm in den Tierpark ging, besuchten wir auch das Elefantenhaus mit seinem großen Gehege. Denn dort gab es für mich stets ein großes Rätsel zu betrachten. Obwohl die Elefanten so mächtige Tiere waren, genügte ein kleiner dünner Strick, um sie am Weglaufen zu hindern.

Wie war das möglich?

Ein kleiner, für sie unbedeutender Ruck, und sie wären frei. Aber kein einziges dieser großen Tiere kam auf diese Idee.

Und so standen wir oft vor diesen imposanten Tieren, und mein Vater erklärte mir stets auf Neue, dass die Elefanten einfach nicht wüssten, dass sie stärker als das dünne Seil sind. Mir war das völlig unverständlich. Wie konnte der große starke Elefant das nicht spüren?!

Und dann erzählte mir mein Vater, auf welche Weise Elefanten erzogen würden. In Indien setzt man Elefanten gerne als Arbeitstiere ein, und so bindet man den noch ganz jungen Elefanten, um sie am Weglaufen zu hindern, den Fuß mit einer Kette an einen Pfahl. Natürlich versucht sich jeder kleine Elefant anfangs loszumachen. Aber alle Mühe ist vergebens. Er ist nicht kräftig genug. Er schafft es nicht. Die Kette um seinen Fuß lässt ihn nicht in die Freiheit. Auf diese Weise hat der Elefant bereits früh gelernt, dass er einfach so nicht wegkommen kann.

Später wächst der Elefant zu einem mächtigen, starker Tier heran. Nun wäre es natürlich ein Leichtes für ihn, die Kette zu zerreißen. Aber er tut es nicht. Er hat gelernt, dass er nicht gegen die Fußfessel ankommen kann. In seinem Kopf existiert noch immer die Überzeugung, dass die Kette stärker ist als er. Die Erfahrung als kleiner Elefant hat ihn gelehrt, dass es keinen Zweck hat, sich gegen die Kette aufzulehnen. Diese Überzeugung ist so stark, dass man schließlich nur noch ein kleines dünnes Seil benötigt, um den großen Elefanten am Weglaufen zu hindern.

Die Überzeugung des Elefanten hat nichts mehr mit den tatsächlichen Umständen zu tun. Längst könnte er sich mit Leichtigkeit befreien. Dieses kleine dünne Seil um seinen Fuß ist eigentlich eine Farce. Eine Beleidigung für das starke Tier. Wenn er es nur wüsste!

Jeder Besucher im Tierpark sieht, wie lächerlich klein dieses Seil ist. Der Elefant erkennt diese Wahrheit schon lange nicht mehr. Das ist doch erstaunlich. Es ist der gleiche Elefant, der für schwere Arbeiten im Wald eingesetzt wird, und dann lässt er sich durch ein kleines dünnes Seil seiner Freiheit berauben. Jeder Elefant müsste nur einmal kräftig daran ziehen. Aber er probiert es nicht. Er hat gelernt, dass es keinen Sinn hat. Er „weiß“, dass er es nicht schaffen würde. Er „weiß“, dass er nicht stark genug dafür ist. Er „weiß“ – und deswegen probiert er es nicht einmal mehr.

Seine Überzeugung ist so stark, dass er die Realität nicht mehr sehen kann.

Das kommt dir vielleicht bekannt vor. Auch wir haben Bereiche in unserem Leben, von denen wir glauben, dass wir es niemals schaffen können. Und alleine weil wir es glauben, probieren wir es gar nicht mehr. Auch wenn wir uns noch so sehr nach der Erfüllung sehnen. Wir sehen nur unendlich viele Gründe, warum es uns nicht möglich ist. Aber was wäre, wenn diese Gründe nur in unserem Kopf existierten?!

Vielleicht hält uns auch nur ein dünnes Seil alter Überzeugungen fest.

Vielleicht müssten wir nur einmal ein bisschen daran ziehen und wären erstaunt, wie groß und mächtig wir in Wahrheit sind.

Woher kommt dieser Glaube? Wer hat uns diese Fußfessel angelegt?

Vielleicht hast du – wie der kleine Elefant – verlernt, in gewissen Dingen die Realität zu sehen. Vielleicht bist zu zu viel mehr imstande. Aber die Muster und Überzeugungen aus deiner Kindheit halten dich noch immer an einem dünnen Seil. Vielleicht sind viele dieser Gründe, die dich am Weiterkommen hindern, nur in deinem Kopf und entsprechen längst nicht mehr der Realität.

Vielleicht hältst du noch immer an dem Glauben der Vergangenheit fest.

Bei anderen erkennen wir unnötige Selbstbeschränkungen meist sofort. Dann sagen wir zum Beispiel gerne: „Wenn Gabi sich nur ein bisschen mehr zutrauen würde. Mit ihren Talenten könnte sie so viel erreichen.“

„Wenn Hans nur wüsste, was er alles draufhat, dann könnte niemand ihm das Wasser reichen. Keine Ahnung, warum er es nicht schafft, sich durchzusetzen.“

„Petra ist in Gesellschaft immer so still, dabei hat sie so viel zu sagen.“

Vielleicht sind es auch bei diesen Menschen diese kleinen dünnen Fesseln aus der Kindheit. Alte, festgehaltene Überzeugungen. „Ich bin nicht stark genug.“ „Mich will ja doch keiner.“ „Bei mir bleibt ja doch kein Mann, also warum sich wieder auf eine Partnerschaft einlassen?“ „Da kann ich mich anstrengen wie ich will, ich werde meinen Job doch wieder verlieren.“ „Ich gerate immer wieder an den Falschen.“

Bei anderen erkennen wir sehr oft und sehr genau das Potenzial, das in ihnen schlummert, und wundern uns, warum sie es nicht einsetzen. Aber wenn wir sie darauf ansprechen, ernten wir meist nur Unmut. Manchmal werden sie sogar richtig sauer und sind beleidigt.

Kein Wunder, denn jeder von uns spürt sein eigenes, ungelebtes Potenzial. Wir spüren es als Sehnsucht. Mein Gott, was würden wir gerne alles tun, wenn wir nur könnten! Aber wir können ja nicht. Da gibt es doch dieses dünne Seil. Und weil dieses Seil inzwischen nur aus alten Überzeugungen besteht, können wir anderen auch nicht erklären, was uns daran hindert, unser wahres Potenzial auszuleben. Diese Ohnmacht macht wütend… Wir sind wütend auf uns selbst und auf alle anderen. Es ist deprimierend, nicht aus den eigenen Beschränkungen herauszukommen. Es ist traurig, sich nicht selbst zu verwirklichen. Es ist ungerecht und demütigend.

Aber wir haben gelernt, dass es keinen Sinn macht, sich dagegen aufzulehnen. Wir haben uns unserem Schicksal ergeben. Dabei handelt es sich überhaupt nicht um unser Schicksal. Sondern einzig und allein um unsere ganz persönliche individuelle Wahrnehmung von Realität.

Und höchstwahrscheinlich reagierst du ebenso unwirsch und ungehalten, wenn man dir nahelegt, dass dein Selbstbild nicht unbedingt mit dem Bild, das alle anderen sehen, übereinstimmt.

Höchstwahrscheinlich verteidigst du dein kleines dünnes Seil ebenso. Kein Wunder: Du kannst das Seil ja nicht sehen. Noch heute hältst du es für eine große, dicke, schwere Kette.

Die Wahrheit mag inzwischen vollkommen anders aussehen. Vielleicht befinden wir uns sogar in einem Umfeld, in dem alles möglich wäre, vielleicht wären wir sogar längst in der Lage, unser Potenzial auszuleben und neue Wege zu beschreiten – erfolgreiche Wege -, aber leider halten uns noch immer die unsichtbaren Fesseln unserer Kindheit und Jugend. Dann trauen wir uns nicht voranzuschreiten. Wir treten auf der Stelle. Wir kommen nicht einmal auf die Idee, andere, neue Möglichkeiten in unserem Leben auszuprobieren. Unsere antrainierten Überzeugungen sind eben stärker als die bestehende Realität.

Wir alle haben so eine unsichtbare Kette. Sie zeigt sich in verschiedenen Formen: Angst, aus sich herauszugehen, Angst, nicht geliebt zu werden, Angst zu versagen, oder Angst, alles zu verlieren.

Ich selbst habe viele, viele Jahre mit so einer imaginären Kette gelebt. Ich fühlte mich ungeliebt, war introvertiert und schüchtern. Ich war überzeugt, niemand würde auf mich hören oder gar Interesse an meiner Meinung zeigen. Ich vertraute mir nicht und war gleichzeitig verletzt, wenn andere mir ebenso wenig zutrauten. Ich fühlte mich vom Leben benachteiligt und zurückgewiesen. Ich spürte nur noch diese gewaltige Kette, die es nicht zuließ, endlich aus mir herauszukommen.

Wenn wir dieser Angst, diesen imaginären Ketten in unserem Leben, Kraft und Glauben schenken, werden wir uns in der Tat schwertun, Erfolg zu haben. Natürlich ist es nicht leicht, sich von alten Mustern und Überzeugungen zu lösen. Für mich war es auch nicht einfach.

Aber wenn wir erst einmal erkennen, dass wir vielleicht gar nicht die ganze Wahrheit sehen können, sondern alles nur durch den Filter unserer vergangenen Erfahrungen aufnehmen, ist bereits der erste Schritt getan.

Als ich erkannte, dass es nur einen einzigen Menschen in meinem Leben gab – nämlich ich -, der mir vorgaukelte, ich wäre noch immer an einer dicken Kette angebunden, veränderte sich mein ganzes Leben. Ich befreite mich aus meiner Hoffnungslosigkeit und war auf meinem Weg zum Erfolg durch nichts und niemand mehr zu bremsen.

 

Pierre Franckh

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