So richtig frei

Ich saß draussen auf der Terrasse und in meinem Kopf schwirrten zahllose Gedanken herum. Und eine Frage beschäftigte mich am allermeisten: Warum fiel es mir so schwer, einfach Nein zu sagen, wenn ich etwas nicht wollte?

Unzählige Situationen und Momente reihten sich wie ein Film aneinander und ich fühlte mich so richtig klein. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr Momente und Situationen vielen mir ein. Es schien mir auf einmal so, als wäre es mir eigentlich noch nie gelungen, so richtig nein zu sagen.

„Kennst du die Geschichte vom kleinen Nein?“

„Ich weiß nicht… ich glaube nicht.“

„Dann werde ich sie dir erzählen“, sagte die warme und vertraute Stimme in meinem Herzen.

„Es war einmal… ein kleines Nein.

Das kleine Nein saß auf einer Bank im Park und aß Schokolade. Es ist wirklich ein sehr kleines NEIN – richtig winzig und leise. Da kam eine große, dicke Frau vorbei und fragte das kleine Nein: “Darf ich mich zu dir setzen?”

Und das kleine Nein flüsterte leise: “Nein, ich möchte lieber alleine hier sitzen.”

Die große dicke Frau hörte nicht hin und setze sich neben das kleine Nein auf die Parkbank.

Da kam ein Junge angerannt und fragte das kleine Nein: “Darf ich deine Schokolade haben?” und das kleine Nein flüsterte: “Nein, ich möchte sie gerne selber essen.” Aber der Junge hörte nicht hin, nahm dem kleinen Nein die Schokolade weg und begann sie zu essen.

Es kam ein Mann vorbei, den das kleine Nein schon oft im Park gesehen hatte und sagte: “Hallo Kleines. Du siehst nett aus, darf ich dir einen Kuss geben?” und das kleine Nein flüsterte: “Nein, ich will keinen Kuss!” Aber auch der Mann schien nicht zu verstehen, ging auf das kleine Nein zu und wollte dem kleinen Nein einen dicken Kuss auf die Wange drücken.

Da verlor das kleine Nein endgültig die Geduld. Es stand auf, reckte sich ich die Höhe und schrie aus vollem Hals: “NEIIIIIIN!!!” Und noch einmal: “Nein, Nein, Nein!!! Ich will alleine auf meiner Bank sitzen, ich will meine Schokolade selbst essen und ich will nicht geküsst werden! Lasst mich sofort in Ruhe!”

Die große, dicke Frau, der Junge und der Mann machten große Augen. “Ja, warum hast du das denn nicht gleich gesagt?” und gingen ihrer Wege.

Und wer saß jetzt auf der Bank? Kein kleines Nein, sonder ein großes Nein. Groß, stark und laut. “So ist das also. Wenn man immer leise und schüchtern Nein sagt, hören die Leute nicht hin. Man muss schon laut und deutlich Nein sagen.”

Und so ist aus dem kleinen Nein ein großes Nein geworden.”

Ich schmunzelte.

„Jedes Mal, wenn du Ja sagst und Nein meinst, schwächst du dich selbst und somit auch andere. Wenn du lernst, das Wort NEIN klar und deutlich auszusprechen, hast du einen großen und ganz entscheidenden Schritt in deine ganz persönliche Freiheit getan.“
Das hörte sich sehr verlockend an.

„Und nicht nur das. Denn jedes wahre, bestimmte und klare Nein ist gleichzeitig ein JA. Ein JA zu deinen Bedürfnissen, ein JA zu dem, was in dir lebt. Ein JA zu dir selbst und deinem Leben. Ein JA, das dich stärkt und dir Kraft gibt.“

Ich begriff allmählich. Jedes Ja, das nicht aus meinem Herzen kam war im Grunde ein Nein. Und es war nur logisch, dass diese Unklarheit nur Verwirrung in meinem Umfeld erzeugte.

„Ja, aber ich kann doch nicht auf einmal Nein sagen.“

„Doch, das kannst du. Und ich bitte dich von ganzem Herzen darum. Und wenn du deinen ganzen Mut dafür zusammen nehmen musst, sage NEIN, wenn es in dir ein NEIN ist. Alles andere macht dein Leben nur komplizierter, und ganz sicher nicht einfacher. Wenn du deine Grenzen nicht klar aufzeigst, ist es beinahe vorprogrammiert, dass andere deine Grenzen überschreiten.“

„Und du meinst, dass es in Ordnung ist, wenn ich ab heute einfach zu allem NEIN sage, das sich nicht gut anfühlt, zu dem, was ich nicht will?“

„Ja! Absolut. Sprich deine Wahrheit aus. Es wird nicht nur dir besser damit gehen, sondern auch allen Menschen, die dich lieben. Sei bestimmt. Sei klar. Gehe weiter und sage JA zu Deinem Leben. Vertraue mir.“

Die Vorstellung, einfach NEIN zu sagen fühlte sich einfach großartig an. Ich fühlte ein eindeutiges, großes, klares und ganz starkes JA in mir.

Ein JA zum NEIN.

Ich fühlte mich so richtig frei. Ich lächelte zufrieden. Es war ein starkes, großes Lächeln.

Und mein Herz… das lächelte auch.

 

Von Herzen,

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