Von Gott-Eltern und Babys, die reines Bewusstsein sind

Als Babys erleben wir unsere Eltern als Gott, und zwar in jeder Hinsicht.

Bedenken wir einmal, was „Gott’“ bedeutet. Gott ist der Schöpfer, Gott ist der Versorger und Gott ist der Allwissende. Für das Baby trifft diese Definition auf seine Eltern zu. Da die Eltern das Baby gezeugt – erschaffen – haben, erfährt das Baby seine Eltern buchstäblich als Schöpfer. Eltern sind auch die Versorger. Ohne die Eltern stirbt das Baby. Und aus der Sicht des Babys sind die Eltern allwissend. Die Eltern wissen alles über dieses kleine Baby. Sie gehen weg und besuchen andere Welten, von denen das Baby keinerlei Vorstellung hat. Für das Baby sind die Eltern Götter, die durch andere Welten und Umstände reisen; und in Bezug auf das, was mit diesem kleinen Baby vor sich geht, scheinen sie allwissend zu sein.

Unglücklicherweise werden die meisten von uns in eine Welt hineingeboren, in der Gott, die Eltern, nicht erleuchtet sind. Du kommst als reines Gewahr-Sein in diese Welt und bist ganz und gar abhängig von deinen Eltern. Dann gibt dir „Gott-Eltern“ einen Namen, sagt dir, du bist ein Körper, und schon bald hast du eine Vergangenheit und eine Zukunft. Die Eltern, als Gott, geben dieTrance-Induktion der Sklaverei an dich weiter. Du erhältst den Stempel einer persönlichen Identität. Hier liegt die ursprüngliche Verwundung. Du wirst nicht erkannt als das, was du bist, nämlich reines Bewusstsein, sondern stattdessen als ein gutes oder auch ein böses Baby. Wenn du die ganze Nacht durchschläfst und zu den vorgegebenen Zeiten isst, bist du ein gutes Baby. Wenn du aufwachst und weinst, bist du ein böses Baby. Vielleicht bist du ein hübsches Baby oder ein hässliches Baby, ein schlaues Baby oder ein dummes Baby. Das alles wird dir von der Welt, von „Gott“ übergestülpt und lässt dich „wissen“ wer du bist.

Die Trance-Induktion deines Namens beginnt sofort Wie viele Male, eines um das andere Mal, über lange Monate hörst du die Wiederholung, das Weben des Zauberbanns: Du bist „Sally“. Schließlich ist es verinnerlicht, und du stimmst zu: „Ja, ich bin Sally.“

Ausgehend von dieser Konditionierung muss das kleine Baby lernen, wie es überlebt. Darum lernt das Baby sein individuelles Programm – es lernt, wie es lächelt und niedlich ist, oder es lernt, wie es sich gegen das Programm zur Wehr setzt. Das Baby lernt, dass ein gutes Baby Zuwendung bekommt und ein böses  Baby zurückgewiesen wird. Auch wenn sich die Muster voneinander unterscheiden, in beiden Fällen handelt es sich um Beziehungen, die im Wechselspiel mit der elterlichen Konditionierung dem Überleben dienen.

Zu diesem Zeitpunkt hat das Kind den Zugang zu seinem wahren Selbst verloren. Es ist als Körper identifiziert, es hat einen Schutzpanzer entwickelt sowie Abwehrmechanismen und verhaltensspezifische Muster. Das Kind glaubt: „Das bin ich.“ Dann macht es sich auf, um „Glück und Frieden und Erfüllung“ in einer Welt der Objekte zu finden.

„Wenn ich nur jemanden finde, der mich genug liebt, dann wird’s mir gut gehen.“

Oder: „Wenn ich genug Geld habe, dann wir’s mir gut gehen.“

Oder: „Wenn ich die richtigen Partner haben oder die richtigen Erfahrungen mache, dann wird’s mir gut gehen.“

In dem Glauben, man sei ein Organismus, der unweigerlich auf seinen Tod zugeht, sucht man im Außen nach Bedeutung und Erfüllung, aber weder Bedeutung noch Erfüllung offenbaren sich in diesem Suchen.

Wir suchen in äußeren Erscheinungen nach Frieden und Glück und Liebe, weil wir in Unkenntnis unserer wahren Identität eingeschlafen sind. Das vergebliche Suchen im Außen nach etwas, das niemals dort gefunden werden kann, führt normalerweise, zumindest bis zu einem gewissen Grad, zu Depression, Paranoia und Gefühlskälte. Hast du dich erst einmal in der Trance, die sich „Ich und mein Leben“ nennt, verloren, kann das wie ein endloser Kreislauf erscheinen. Emotionale Abschottung bewirkt die verstärkte Dissoziation, was wiederum Angst und Zweifel fördert und den betäubenden Schlaf so wünschenswert erscheinen lässt; und überdies wird der Hunger nach Liebe, die von jemand anderem außerhalb deiner selbst kommen muss, dadurch noch weiter genährt.

Es gibt die Möglichkeit, diesen Kreislauf zu durchbrechen und ihm zu entkommen: indem du diesem endlosen Bemühen den Rücken kehrst; in dem du aufhörst, deiner Erfüllung im Außen nachzujagen. Dann kannst du entdecken, dass der einzige Weg zu wahrer Erfüllung darin liegt, auf dein eigenes Selbst zuzugehen, bis in die tiefsten Ebenen deines Seins.

Zu guter Letzt wirst du dich unmittelbar mit dem Knoten des Ego konfrontiert sehen. Das ist der Punkt der wirklichen Hingabe.

 

Mein Kind, du glaubst, dass du der Körper bist, deshalb warst du für lange Zeit gebunden. Wisse – du bist reines Gewahr-Sein. Mit diesem Wissen als dein Schwert zerschlage deine Ketten und sei glücklich!

Ashtavakra Gita

 

Eli Jaxon-Bear, aus „Das Spirituelle Enneagramm“

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