Zwiegespräch an der Krippe

Da besuchte ein kleiner Junge seinen Großvater.

Er schaute zu, wie er an einer mächtigen Krippenfigur schnitzte. Einige andere standen schon fertig auf dem Tisch.

Und als Michael ein wenig müde, seinen Arm auf die Tischkante legte, merkte er, wie alle Gestalten lebendig wurden. Und er war ganz erstaunt, dass er mit ihnen reden konnte!

Und noch mehr: Hirten, Könige, Maria und Josef waren nicht mehr klein und er nicht mehr groß, sondern er ging mitten unter ihnen umher, ohne aufzufallen.

Und so ging er mit ihnen in den Stall von Bethlehem hinein.

Da schaute er das Kind an. Und das Kind schaute ihn an.

Plötzlich bekam er einen Schreck und die Tränen traten ihm in die Augen.

„Warum weinst du denn?“, fragte das Jesuskind.

„Weil ich dir nichts mitgebracht habe“, sagte der Junge.

„Ich will aber etwas von dir haben“, entgegnete das Kind.

Da wurde der Kleine rot vor Freude. „ich will dir alles schenken, was ich habe“, stammelte er.

„Drei Sachen will ich von dir haben“, sagte das Jesuskind.

Da fiel im der kleine Junge ins Wort: „Meinen neuen Mantel, meine elektrische Eisenbahn, mein schönes Buch mit den vielen Bildern?“

„Nein“, erwiderte das Jesuskind, „das brauche ich alles nicht. Dazu bin ich nicht auf die Erde gekommen. Ich will von dir etwas anderes haben.“

„Was denn?“, fragte er Junge erstaunt.

„Schenk mir deinen letzten Aufsatz“, sagte das Jesuskind leise, damit es niemand anderer hören konnte.

Da erschrak Michael.

„Jesus“, stotterte er ganz verlegen und kam dabei ganz nahe an die Krippe heran und flüsterte: „da hat doch der Lehrer darunter geschrieben: nicht genügend.“

„Eben deshalb will ich ihn haben.“

„Aber warum denn?“, fragte Michael.

„Du sollst mir immer das bringen, wo nicht genügend darunter steht. Versprichst du mir das?“

„Sehr gerne“, antworte der Junge.

„Aber ich will noch ein zweites Geschenk von dir“, sagte das Jesuskind.

Hilflos guckte Michael das Jesuskind an.

„Deinen Milchbecher“, fuhr Jesus fort.

„Aber den habe ich doch heute zerbrochen“, entgegnete Michael.

„Du sollst mir immer das bringen, was du im leben zerbrochen hast. Ich will es wieder heil machen. Gibst du mir auch das?“

Michael nickte zögerlich.

„Aber mein dritter Wunsch ist“, sagte das Jesuskind, „du sollst mir die Antwort bringen, die du der Mutter gegeben hast, als sie frage, wie denn der Milchbecher kaputtgegangen sei.“

Da legte der Kleine die Stirn auf die Kante der Krippe und weinte bitterlich.

„Ich… ich… ich…“ brauchte er unter Schluchzen nur mühsam heraus, „ich habe gesagt ich hätte den Becher umgestoßen. In Wahrheit habe ich ihn aber absichtlich auf den Boden geworfen.“

„Ja, du sollst mir immer alle deine Lügen, deinen Trotz, dein Böses, was du getan hast, bringen“ , sagte das Jesuskind. „Und wenn du zu mir kommst, will ich dir helfen. Ich will dich annehmen in deiner Schwäche, ich will dir immer neu vergeben. Ich will wich an deiner Hand nehmen und dir den Weg zeigen. Willst du dir das schenken lassen?“

Und der kleine Junge nickte, schaute, hörte und staunte.

 

Verfasser unbekannt

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